Ein Findling namens Emma

Ratte Emma 05Ich weiß nicht, wie viele Tiere jedes Jahr ausgesetzt werden, aber wenn ich mich mit unserer Tierärztin unterhalte, müssen es wohl unglaublich viele sein. Und dabei ist es egal, ob es ein Hund, eine Katze oder eine Ratte ist. Keines solcher Wesen hat so etwas verdient. Manche dieser armen Geschöpfe verenden jämmerlich da draußen, gerade, wenn sie in den kalten Monaten ausgesetzt werden, kleinere “weggeworfene“ Haustiere werden von anderen Tieren gejagt, tot gespielt oder gefressen, manche haben das Glück gefunden zu werden und vielleicht noch größeres Glück dann liebevoll und ordentlich versorgt zu werden.

Auch meiner Mutter ihr Kater Willi hatte so ein großes Glück, als sie ihn an einem regnerischen kalten Herbsttag, versteckt unter einem Auto, fand. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

[sam id=“1″ codes=“true“]

fuer Kater Willi ist die Ratte hoch interessantJedenfalls waren meine Mutter und Kater Willi am 2. Januar 2014 abends draußen. Willi zog vorsichtig eine Ratte aus einem Steinhaufen. Als meine Mutter sah, dass es eine Hausratte war, erschöpft und vor Kälte zitternd, nahm sie sie hoch auf den Arm und brachte sie in die warme Wohnung und versorgte sie erst einmal mit Wasser und Trockenfutter für Katzen. Seitdem bewohnt die Ratte eine Katzentragebox, denn es war ja nichts anderes da. Schließlich ist das ja auch ein sicherer Ort für die Ratte, denn die zwei Kater meiner Mutter würden aus ihr eventuell „Ratatouille“ machen, wenn sie unbeaufsichtigt sind. Jetzt hatte die Ratte einmal so viel Glück, dass sie gefunden wurde, da muss sie nicht gleich wieder der nächsten tödlichen Gefahr ins Auge blicken.


Am nächsten Tag hatte ich dann die Gelegenheit, die Ratte zu sehen. Findet ihr auch, dass „Ratte“ so ein negativ besetztes Wort ist? Dabei ist die so süß, ganz lieb und schmusebedürftig. Sie kroch unter meinen Pullover und nachdem sie diesen ausführlich untersucht hatte, steckte sie ihr Köpfchen oben zum Rollkragen  heraus und schlief dann.

Emma

Nach einer Weile bekam ich Hunger und meine Mutter brachte mir Abendbrot, da ich ja nicht aufstehen wollte, so dass „Emma“ nicht munter wird und sich wohl fühlen darf. Natürlich wurde sie trotzdem von dem leckeren Geruch wach und schnupperte in der Luft herum und die Schnurhaare krabbelten dabei sehr am Hals. Als wir ihr ein Stückchen Apfel gaben, hielt sie es in einer ihrer Vorderpfötchen und futterte es auf. Das war ja so niedlich anzusehen und wirkte fast schon etwas menschlich.

Traurig war aber, dass es offensichtlich war, dass sie auf einem Auge blind ist und sie sich einen heftigen Schnupfen eingefangen hatte, denn sie nieste ziemlich oft und ihr gesundes Auge tränte auch wegen dieser Erkältung. Es ist Winter und wer weiß, wie lange sie schon draußen in der Kälte ausharren musste bis sie gefunden wurde.

Also brachte ich sie zum Tierarzt. Die Tierärztin schätzt Emma auf ungefähr eineinhalb Jahre. Ratten werden ca. zwei bis maximal drei Jahre alt. Das blinde Auge kam wohl durch irgendeinen Krankheitserreger, der in der Vergangenheit nicht behandelt wurde und daher zur Erblindung führte. Gegen den Schnupfen bekam sie eine Spritze sowie eine Art Pipette mit einem Antibiotikum zur täglichen Einnahme. Aber der Schnupfen war das geringste Übel.

Die Ärztin stellte bei der Untersuchung einen sehr großen Tumor im Unterbauch fest, der ziemlich nah an den Ausscheidungsorganen lag. Die Tierärztin ist stark der Überzeugung, dass Emma möglicherweise genau deswegen absichtlich ausgesetzt wurde und sich deshalb niemand auf unsere etlichen Anzeigen gemeldet hat. Sie erklärte, dass das leider sehr viele Menschen machen, wenn ihr Tier krank wird.

Ein gesunder Menschenverstand ist sich doch schon vor der Anschaffung eines Tieres darüber im Klaren, dass so etwas vorkommen kann und vorkommen wird. … Es sind Lebewesen, keine virtuellen Haustiere auf dem Handydisplay.

Wir entschieden uns kurzerhand zu einer OP, auch wenn es sein kann, dass der Tumor aufgrund seiner komplizierten Lage an Organen und wichtigen Gefäßen eventuell nicht vollständig entfernt werden könnte.

So eine Entscheidung ist sehr risikobehaftet. Entweder Emma wird nicht operiert, dann wächst der Tumor unkontrolliert weiter und wird ihr eines Tages solche Schmerzen bereiten, dass sie eingeschläfert werden muss oder Emma wird operiert, aber der Tumor kann nicht vollständig entfernt werden, wächst wieder nach, usw.  Oder aber der Tumor kann vollständig entfernt werden und alles wird gut. Das Risiko, dass ein Tier eine Operation oder die Narkose nicht übersteht, besteht aber leider immer. Also könnte es auch passieren, dass die OP nicht viel bringt im Falle eines nicht vollständig zu entfernenden Tumors und Emma aber an den Folgen des Eingriffs und der Narkose verstirbt. Das war für mich der aller schlimmste Gedanke. Aber OP oder nicht OP – beides kann falsch sein. Wiederum besteht bei einer OP wenigstens eine kleine Möglichkeit der Heilung, so dass die nicht mehr ganz so junge Emma vielleicht doch noch einen schönen Lebensabend erleben darf und nicht frühzeitig wegen eines Tumors verstirbt.

Emma wurde sechs Tage nach dem sie gefunden wurde operiert. Als ich sie abholen durfte, musste ich mich noch eineinhalb Stunden im Warteraum der Tierarztpraxis gedulden und machte mir große Sorgen um Emma, denn die Tierarzthelferinnen konnten mir keine Auskunft geben. Als ich aufgerufen wurde und die Tierärztin mir berichtete, dass die Operation erfolgreich verlief, war ich erstmal sehr erleichtert. Der Krebstumor war tatsächlich fast so groß wie ein Tischtennisball und die Tierärztin meinte, er sei sogar über die paar Tage noch gewachsen und es war richtig, diesen schnellstmöglich zu entfernen. Als ich aber Emma in ihrer Katzenbox sah, tat sie mir sehr sehr leid. Die Narkose und der schwierige Eingriff machten ihr ganz schön zu schaffen. Sie war zwar schon wach, aber sie drehte sich im Kreis, zitterte, fiel ständig um, krümmte sich und es war ein schwer zu ertragender Anblick. Die Tierärztin machte mich nochmal darauf aufmerksam, dass sie eventuell trotzdem über Nacht versterben könnte. Erst, wenn sie am nächsten Vormittag noch lebt, hat sie die kritische Phase überstanden. Diese Vorstellung beschäftigte meine Mutter, ihr Freund und mich pausenlos.

Als wir zu Hause ankamen, bekam Emma noch einmal heißes Wasser in ihre Wärmflasche und wir legten noch ein paar Handtaschenwärmer unter das Handtuch, auf dem sie lag, ließen die ganze Nacht die Heizung im Zimmer an, so dass sie es schön warm hatte, so wie es uns die Ärztin empfohlen hat. Damit Emma zur Ruhe kommt, haben wir Sie in der Box alleine im Dunkeln gelassen und sahen alle 2-3 Stunden in der Nacht nach ihr. Das arme Geschöpf war zwar von der Narkose sehr benommen, sie versuchte aber trotzdem sich zu bewegen und war dabei so hektisch, dass aus der frischen Naht einige Tropfen Blut kamen und einige Stellen waren blutverschmiert, aber wenigstens ist die Naht nicht aufgegangen und Emma schlief endlich ab der zweiten Hälfte der Nacht.

Am Morgen gegen 7 Uhr waren wir heilfroh, sie lebendig vorzufinden und sie konnte sich wieder halbwegs normal bewegen und knabberte ein wenig an einem Joghurtdrop. Jetzt, zwei Tage nach der OP, klettert Emma wieder vergnügt auf unseren Schultern herum. Ihr geht es gut. Sie hatte so oft Glück in letzter Zeit.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgegangen wäre, wenn Emma wegen dem Eingriff, den ich für sie wollte, gestorben wär. Aber glücklicherweise wird jetzt alles gut für sie, die Naht muss nur noch gut versorgt werden und verheilen und der Schnupfen muss noch vollständig auskuriert werden.

Dann möchten wir für Emma einen neuen Besitzer finden, der verantwortungsbewusst seine Tiere hält und Emma auch ins Herz schließt und ihr ein liebevolles Zuhause bietet, wo sie mit anderen Ratten zusammen leben kann und nicht mehr so alleine ist.

Wir hoffen sehr, dass wir in absehbarer Zeit so jemanden in unserer Umgebung finden können. Natürlich wollen wir euch dann das hoffentlich, finale Happy End von Emma nicht vorenthalten und werden die Geschichte dann hier an der Stelle weiter schreiben. Drückt Emma den Daumen, dass sie ein schönes Zuhause findet. So ein liebes Tierchen hat es echt verdient!

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9 Gedanken zu „Ein Findling namens Emma

  1. Pia Pschein

    Eine sehr berührende Geschichte!
    Ich liebe Tiere und kann es auch nicht sehen wie Menschen solche Geschöpfe verkommen lassen.
    Viele ekeln sich vor Ratten, was ich überhaupt nicht verstehen kann. Sie sind total niedlich, auch deine Aufnahmen sind herzallerliebst 🙂

    Grüße Pia

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  2. Babs

    Ein hübsches Tierchen! Ich drücke Emma die Daumen, dass sie ein schönes Heim findet!

    Viele ekeln sich vor dem Rattenschwanz. Und genau diese Leute sagen oft über Hunde: „Sieh doch mal, der treue Blick!“
    Warum schauen sie den Ratten nicht in ihre hübschen Gesichterchen?

    LG Babs

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    1. Nancy Jahn

      Hallo Babs, dankeschön fürs Daumen drücken 🙂
      *Schmunzel* ja, da haben Sie vollkommen recht mit Ihrer Beobachtung! So ungefähr nach dem Motto: „Iiiii, was ist denn das für ein hässliches Tier … ohhh, wie süß, es putzt sich!“
      Meine kleine Stiefschwester fand den Schwanz auch erst eklig, dann haben wir sozusagen „Anfasstraining“ geübt und siehe da, es hat funktioniert. Aber sie fand den Rest von Emma von Anfang an süß…da war also Potential da. Nicht jeder ist offen für jedes Tier. Da muss ich mir sogar selbst den Vorwurf machen, dass ich bei Spinnen bissl Panik krieg, obwohl es dafür keinen Grund gibt…
      Und ja, Ratten haben so hübsche Gesichter, selbst die Tierärztin fand sie niedlich. Ich habe Emma gestern die Ohren massiert, die hat dabei eine süße Schnute gemacht, weils ihr gefallen hat, herrlich.

      Ganz liebe Grüße zurück, Nancy

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  3. Severine Martens

    Noch so eine tolle Geschichte! Ratten sind ganz ganz tolle Tiere … anhänglich, hochintelligent und nebenbei auch noch sehr schön …

    lg
    Severine mit Milow und Luna

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    1. Nancy Jahn

      Ja, seit wir Emma kennen gelernt haben, sind wir auch Rattenfans geworden. Ich muss Ihnen vollkommen recht geben – Ratten sind wirklich besondere Tiere! Auch wenn das Wort „Ratte“ nicht gerade schön klingt, hat uns die Kleine vom vollen Gegenteil überzeugt.

      Ganz liebe Grüße zurück an euch Drei 🙂

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    1. Nancy Jahn

      Ich muss mich wirklich hier bei allen Emma-fans ganz dolle entschuldigen, dass ich den Artikel nicht weiter geschrieben habe!!! Sorry sorry sorry!!!
      In unserem privaten und beruflichen Leben stand so Einiges die letzten Monate an, und manchmal, ich muss es zugeben, war auch die Bequemlichkeit dran Schuld. Ich verspreche aber, dass ich die Geschichte von Emma in den nächsten Tagen fertig schreiben werde!

      Liebe Grüße, Nancy

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